♿ Barrierefreiheit: Das eigentlich dringliche Problem
Bevor über Radverkehr oder Gehsteigbreiten diskutiert wird, muss ein Umstand besonders hervorgehoben werden: Die unmittelbar angrenzende Straße „Am Mühlwasser" weist auf einer Länge von einem Kilometer — von der Immergrüngasse bis zur Wolfsmilchgasse — einen Gehweg auf, der laut Krone-Bericht (Jänner 2025) nicht mehr benutzbar ist.
Mütter mit Kinderwagen, Personen mit Rollator und Rollstuhlfahrerinnen müssen auf dieser stark befahrenen Straße auf die Fahrbahn ausweichen und riskieren dabei ihr Leben. Das ist ein akutes Barrierefreiheitsproblem — das seit mindestens einem Jahr bekannt ist und bei dem trotzdem nichts passiert.
„Wir haben das überprüfen lassen und sowohl die Verkehrsbehörde als auch die Straßenbauabteilung haben festgestellt, dass der technische Fahrbahnzustand und die verkehrsorganisatorische Situation keinen akuten Handlungsbedarf erfordern — auch wenn der Fahrbahnzustand nicht optimal ist. Die zur Verfügung stehenden Ressourcen reichen nicht aus."— Büro Bezirksvorsteher Ernst Nevrivy (SPÖ), zitiert nach krone.at, 22.1.2025
Dies ist kein ausgesuchter Problemabschnitt. Die Aufnahmen dokumentieren einen durchgehenden Straßenzug von rund 200 Metern — alle sechs Bilder ansehen.
Während also in einer stark befahrenen Parallelstraße Rollstuhlfahrerinnen und Menschen mit Kinderwagen auf der Fahrbahn gehen müssen und der Bezirk erklärt, die Ressourcen reichten nicht aus, wird in der vergleichsweise ruhigen Seidelbastgasse mit erheblichem Verwaltungsaufwand, Strafandrohungen und Kostenverpflichtungen für Anwohnerinnen vorgegangen.
Sachliche Prioritätensetzung? Diese Gegenüberstellung legt eine unsachliche Prioritätensetzung nahe. Ressourcen für Barrierefreiheit fehlen dort, wo sie dringend benötigt werden — während an einer Stelle mit geringerem Bedarf und gegen den Bürgerwillen vollzogen wird.
🚲 Radverkehr: Das ignorierte Sicherheitsproblem
Dies ist der zentrale Kritikpunkt der Beschwerde: Der Radverkehr wurde bei der Planung strukturell nicht erhoben und nicht berücksichtigt — obwohl die Behörde im Rahmen der Verhandlung ausdrücklich darauf hingewiesen wurde.
Die Seidelbastgasse als Fahrradroute
Die Seidelbastgasse ist eine der wenigen barrierefreien Verbindungen zum Naherholungsgebiet Mühlwasser und wird — insbesondere in den wärmeren Monaten — intensiv von Radfahrenden genutzt. Diese Nutzung ist kein Zufall: Die nächstgelegene Parallelstraße (Kapellenweg) verfügt zwar über baulich getrennte Gehsteige und eine Buslinie, jedoch keinerlei Infrastruktur für den Radverkehr.
Diese planerische Lücke führt dazu, dass die Seidelbastgasse faktisch die Funktion einer Verbindungsroute für Radfahrende übernimmt — ob man das will oder nicht.
Was passiert, wenn Radfahrende auf die Fahrbahn gedrängt werden?
Nach dem geplanten Ausbau verbleiben für den fließenden Verkehr lediglich rund 3 Meter Restfahrbahn im Begegnungsverkehr (nach Abzug des 2-Meter-Gehsteigs und der eingezeichneten Längsparkstände). Das ist für Radfahrende schlicht nicht sicher nutzbar.
Die wissenschaftlich belegte Folge: Radfahrende weichen auf den Gehsteig aus. Nicht aus Böswilligkeit, sondern weil sie sich auf der Fahrbahn nicht sicher fühlen. Das ist durch internationale und österreichische Studien vielfach dokumentiert.
Was sagen die Studien?
- Allianz-Studie „Zweiradsicherheit im Überblick" (2022): Rund 66 % der Radfahrenden schließen die Nutzung von Gehsteigen nicht aus, wenn keine sichere Trennung vom Kfz-Verkehr vorhanden ist. Unfälle zwischen Rad- und Fußverkehr stiegen in 10 Jahren um 25 %.
- Reynolds et al. (2009): „Sidewalk cycling" weist gegenüber dem Fahren auf der Fahrbahn ein bis zu 16-fach erhöhtes Unfallrisiko auf.
- Van Petegem et al. (2021): Physisch getrennte Radwege reduzieren Radunfälle um 50–60 % im Vergleich zu ungeschützten Lösungen.
- VCÖ-Radfahr-Umfragen (Österreich): Wo Radinfrastruktur lückenhaft ist, weichen Radfahrende auf Nebenflächen aus.
Das Ergebnis: Ein Gehsteig ohne begleitende Radinfrastruktur verlagert das Konfliktpotential, anstatt es zu lösen. Fußgängerinnen und Fußgänger werden durch Radfahrende auf dem Gehsteig gefährdet — also exakt jene Personengruppe, deren Schutz die Maßnahme bezweckt.
💬 Bürgeranliegen & die Reaktion der Politik
Dass Radfahrende und E-Scooter-Fahrende auf Gehsteige ausweichen, ist kein Phänomen der Seidelbastgasse allein — es ist ein bezirksweites Problem, das die Anwohnerschaft täglich erlebt. Auch auf der Facebook-Seite von Bezirksvorsteher Ernst Nevrivy wird dies thematisiert:
Was diese Reaktion zeigt: Der Bezirksvorsteher thematisiert das „undisziplinierte Verhalten" der Fahrenden — nicht den strukturellen Grund dafür. Dabei ist dieser gut erforscht: Radfahrende und E-Scooter-Fahrende weichen auf Gehsteige aus, weil der Bezirk keine sichere Infrastruktur für sie geschaffen hat. Das ist keine Frage der Disziplin, sondern der Planung.
Der Masterplan Gehen Donaustadt hält zwar fest, dass der Radverkehrsanteil im Bezirk gering sei — und schließt daraus, dass kaum Bedarf bestehe. Doch genau hier liegt der Denkfehler: Der geringe Radverkehrsanteil ist Folge fehlender Infrastruktur, nicht ihr Rechtfertigungsgrund. Wer keine Radwege baut, wird auch wenige Radfahrende zählen — und wer wenige Radfahrende zählt, baut keine Radwege. Ein Kreislauf, der auf dem Rücken der Fußgängerinnen ausgetragen wird.
🏫 Schulweg: Die schwächsten Verkehrsteilnehmerinnen
Die Seidelbastgasse wird auch als Schulweg genutzt. Kinder — teilweise mit voranfahrenden Elternteilen — benutzen die Straße mit dem Fahrrad. Gerade für 12-Jährige stellt sich bei der geplanten Ausgestaltung eine konkrete und bisher unbeantwortete Frage:
Wie sollen sich schulpflichtige Radfahrende überhaupt verhalten? Auf der verengten Fahrbahn im Begegnungsverkehr fahren? In Parklücken ausweichen und sich anschließend wieder in den Fließverkehr einordnen? Oder regelwidrig auf den Gehsteig ausweichen?
Die geplante Maßnahme gibt auf diese naheliegende Frage keine sachgerechte Antwort. Sie schafft keine klare, sichere und regelkonforme Verkehrsführung für Kinder — sondern strukturell erzeugte Unsicherheit und Konfliktpotential.
Gerade bei schulpflichtigen Radfahrenden zeigt sich damit exemplarisch, dass die Maßnahme den Schutz schwächerer Verkehrsteilnehmerinnen nicht verbessert, sondern verschlechtert.
💡 Was stattdessen möglich wäre
Die Anwohnerinnen der Seidelbastgasse haben nicht einfach „Nein" gesagt — sie haben konkrete Alternativen vorgeschlagen, die sämtliche Verkehrsteilnehmerinnen berücksichtigen. Diese wurden von der Behörde nicht ernsthaft geprüft.
Einbahnführung mit Verkehrsberuhigung
Eine Einbahnführung würde den verfügbaren Querschnitt effektiv vergrößern und die gleichzeitige Realisierung eines Gehsteigs sowie den Erhalt von Parkplätzen ermöglichen. Die Behörde lehnte dies mit dem Argument ab, Einbahnen erhöhten die Geschwindigkeit — ignorierte aber, dass eine Kombination mit Tempo 30 und baulichen Hindernissen (Querungshilfen, Fahrbahnverengungen) dieses Problem vollständig beseitigen würde.
Wohnstraße oder Begegnungszone
Eine Wohnstraße würde den Durchzugsverkehr reduzieren und die sichere gemeinsame Nutzung aller Verkehrsteilnehmerinnen ermöglichen — ohne die Fahrbahnbreite für Radfahrende zu reduzieren. Der Masterplan Gehen Donaustadt selbst hält fest, dass in siedlungsrandnahen Gebieten rund um das Mühlwasser „verkehrsberuhigende bzw. gestalterische Maßnahmen zur sicheren gemeinsamen Nutzung in Betracht kommen". Diese Option wurde im Verfahren nicht geprüft.
Kombination: Gehsteig + Radinfrastruktur + Einbahn
Eine ganzheitliche Lösung, die Fußgängerinnen, Radfahrende und den Kfz-Verkehr koordiniert berücksichtigt, wäre der einzig nachhaltige Ansatz. Der Masterplan empfiehlt genau das — die konkrete Planung setzt es nicht um.
Fazit: Es geht nicht darum, dass kein Gehsteig gebaut werden soll. Es geht darum, dass eine Maßnahme, die Konflikte verschiebt statt löst, keine ausreichende Grundlage für einen so weitreichenden Eingriff in das Straßenbild und in die Nutzungssituation der Anwohnerschaft bildet.